Lebens-Erwartungen

Artikel ausgelöst durch “Corona führt zu Übersterblichkeit” im Gießener Anzeiger

Graphik aus Statista

Was wünschen sich die Deutschen vom Leben? Für 70 % ist es Gesundheit, gefolgt von finanzieller Sicherheit (67%) und Familie und Freunden (60%).
„Ein langes Leben“ höre ich oft in Gesprächen mit Gleichaltrigen, weniger von Jüngeren. Da mein Vater bereits 1899 geboren wurde, kann ich meine Familie etwa bis 1870 zurückverfolgen. Patchwork-Familien gab es eine ganze Menge. Aber nicht, weil man sich scheiden ließ, sondern weil viele Frauen im Kindbett starben und der zurückbleibende Witwer wieder heiratete, auch und wohl vor allem, damit Kinder und Haushalt versorgt wurden. Das waren wohl selten Liebesheiraten, sondern Zweckgemeinschaften und würde erklären, warum die Rolle der Stiefmutter in Grimms Märchen so negativ dargestellt wird.
Um 1870 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei etwa 40 Jahren. Und noch 1950 starben die meisten Deutschen mit unter 70 Jahren. Heute werden Männer durchschnittlich 78,9 und Frauen 83,6 Jahre alt. Während meines eigenen Lebens, vor allem in den letzten 25 Jahren, konnte ich beobachten, wie die Zahl der Hochzeits-Jubiläen stetig stieg. In Wikipedia findet man dazu: 1991 feierten rund 71.000 Ehepaare in Deutschland ihre Goldene Hochzeit. 10 Jahre später waren rund 190.000 Paare länger als 50 Jahre verheiratet.[5] 2010 waren 1 Million Ehepaare länger als 50 Jahre verheiratet. 10.000 Paare konnten 2010 auf 65 Ehejahre zurückblicken.6]

Eveline 70, Winfried 73 Jahre alt (2017) (Foto privat)

„Wir möchten zusammen alt werden“, das ist ein Wunsch, den auch heute die meisten Paare am Anfang ihres gemeinsamen Lebens haben. In unserer Zeit wäre es vielen vergönnt. Mit den Großeltern meines Mannes konnten wir 1997 noch die Gnadenhochzeit (70 Jahre) feiern. Sie konnten Kinder und Enkel aufwachsen sehen und sogar die Geburt und Kindheit der Urenkelin erleben. Das war vor 150 Jahren eine große Seltenheit. Kaum jemand wurde „alt wie Methusalem“.

Was bewog mich eigentlich zu diesem Artikel? In Corona-Zeiten ist immer wieder von „Übersterblichkeit“ die Rede. In einem Interview von Karl Schlieker mit dem Vizepräsidenten des Statistischen Bundesamtes (Gießener Anzeiger vom 10. 12. 2021) heißt es dazu „Im Jahre 2020 waren nur drei Prozent der Verstorbenen jünger als 60 Jahre, 70% waren dagegen älter als 80 Jahre. Covid-19 war in dieser Altersgruppe die dritthäufigste Todesursache. Häufig hätten die Betroffenen mehrere Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Demenz, Niereninsuffizienz und Diabetes.
Daraufhin habe ich mal die Todesanzeigen des Monates Dezember im GA ausgewertet (die ich seit Beginn der Corona-Pandemie täglich verfolgt habe).

Meine Auswertung ergab Folgendes über die Zahl der Todesfälle pro Geburts-Jahrzehnt (insgesamt 74, in 11 Anzeigen war kein Geburtsjahr genannt).

10 Frauen starben mit durchschnittlich 93 Jahren, 14 mit 85 Jahren, 6 mit 75 Jahren.
6 Männer starben mit durchschnittlich 96 Jahren, 18 mit 84 Jahren, 6 mit 73 Jahren.
Das heißt, viele wurden erheblich älter als es der durchschnittlichen heutigen Lebenserwartung entspricht.
Nun muss ich aber selber meine Liste in Frage stellen. Sie zeigt nur einen winzigen Ausschnitt aus den Todesfällen in Stadt und Landkreis Gießen. Da auch Todesanzeigen Geld kosten, werden viele Menschen darauf verzichten. Und weil die Lebenserwartung noch immer stark von Bildung und Einkommen abhängt, sterben viele Menschen in viel jüngeren Jahren. Das lässt sich nur über die Sterbestatistik herausfinden.

Die bekannteste 95jährige: Queen Elizabeth
Foto Internet

Für mich heißt diese Dezember-Momentaufnahme allerdings auch: Ewig will und kann ich nicht leben. Ich habe meine Mutter und meine Oma schon lange überholt. Mein Vater starb mit 82. Wenn ich dieses Alter erreiche, habe ich noch acht Jahre vor mir. Bisher hatte ich viel Freude am Leben. Irgendwann ist unabhängig von Corona Schluss.  Von daher gefällt mir das Gerede von der Übersterblichkeit überhaupt nicht.

Quellen: .statista.com Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland
.wikipedia.org
Hochzeitstag